Ich muss nichts leisten! – Weg vom Leistungsdruck

Selbstüberzeugungen und innere Glaubenssätze sind etwas, was unser Denken stark prägt. Wie wir die Welt sehen und interpretieren hängt in hohem Maß davon ab, was wir als „unumstößliche“ Wahrheit in uns tragen. Als feste Überzeugung, wie etwas zu sein hat. Verstößt man gegen diese inneren Gesetze, folgt auch die Strafe: meist Scham, oft auch Unzufriedenheit oder andere Gefühle. Wenn wir diese inneren Überzeugungen nie hinterfragen, können sie uns behindern oder einengen. Vor allem aber auch sehr unglücklich machen. Und viele der automatisierten Einstellungen sind uns tatsächlich gar nicht wirklich bewusst.

Meine inneren Glaubensätze

In puncto Leistung hatte ich bisher immer eine ganze Menge Glaubenssätze. Die Ursprünge liegen teilweise in meiner Kindheit, meiner Erziehung, aber auch im gesellschaftlichen Umfeld, in dem ich geprägt wurde (und natürlich auch weiterhin werde).
Als Kind der der 80er und 90er Jahre, also zu Umbruchszeiten und später dem Umbau der Sozialsysteme bin ich zumindest gesellschaftlich geprägt auf: A) Wer nichts leistet ist faul. B) Es reicht nicht etwas zu leisten, man sollte auch viel leisten. Die Konkurrenz ist riesig und schließlich soll aus mir mal „was“ werden. Das Ziel lautete Karriere. Und da meine Karriere eher einen etwas ruckeligen Anfang nahm (keinen Ausbildungsplatz als Krankenschwester bekommen! – kann man sich heute kaum vorstellen), war es später umso wichtiger zu beweisen, dass ich „was kann“. Was genau, ist über die Jahre recht diffus geblieben. Aber zumindest habe ich mein Abitur nachgeholt, ein Studium erfolgreich abgeschlossen und später hatte ich einen Job. In dem wollte ich beweisen, dass ich richtig gut bin. Die Beförderungen als Karotte vor der Nase. Geld war mir gar nicht so wichtig. Ich wollte Verantwortung, Titel und vor allem: Anerkennung.

Die inneren Überzeugungen stammen aber auch aus der Kindheit. Aufgewachsen mit unsicheren Nachkriegseltern, war es immer selbstverständlich, dass man strebsam, sparsam, fleißig aufbaut, seinen Beitrag leistet und gleichzeitig aber auch nicht viel Gewese um seine Befindlichkeiten macht.
Hinzu kommt, dass ich schnell gelernt habe: „Leistung macht glücklich“. Diese drei Worte fassen sehr gut zusammen, was ich von Leistung wirklich lange gedacht habe. Leistung macht mich glücklich, denn wenn ich leiste habe ich (viel) Geld, viel Sinn und vor allem viel Anerkennung. Außerdem habe ich ja auch immer mitbekommen: wer schlau ist, bringt es auch zu was. Daher waren meine Ansprüche immer hoch. Eines meiner Vorbilder als Jugendliche war Kofi Annan, der damalige UN-Generalsekretär. Das großartige an Leistung ist aber auch: es macht andere ebenfalls glücklich. Meine Mutter in ihrer Depression, weil sie immer so gut mit uns schlauen Kinder angeben konnte. Meinen Vater, weil jeder Vater sehen möchte, dass die Kinder es noch besser schaffen. Meine Lehrer, die mich als Bestätigung ihrer guten Arbeit schätzten. Meine Chefs, weil kaum etwas besser ist als jemand, der meist mehr als 100% gibt.

Im Grunde genommen ein perfekter Kreislauf, in dem jeder zufrieden sein könnte. Bis zu dem Zeitpunkt, wo man anfängt zu viel zu leisten. Zu wenig Pausen zu machen. Wenn die Gedanken sich nur noch um Arbeit drehen und der Kopf keine Erholungspausen mehr hat, keine anderen Dinge mit denen er sich ebenso intensiv beschäftigen kann, wenn gleichzeitig der Körper unter der Belastung durch Stresshormone langsam anfängt „rumzuzicken“, dann gerät das schöne System von Leistung und Anerkennung in Schieflage. Und aufgrund der inneren Überzeugungen kommt man da auch gar nicht so einfach raus. „Du darfst deinen Job nicht verlieren“ (für meinen Vater ist das quasi das schrecklichste was im Leben passieren kann) bis zu „Aber ich muss doch die Arbeit schaffen. Und gut machen!“ ist alles dabei. Und zum System von Leistungsglück gesellen sich Durchhalteprogramme.

Und es ist schwer das anzuerkennen und wahrscheinlich bedarf es schlicht eines Burn-Outs, aber um innere, ungesunde Überzeugungen abzulegen, braucht man in der Regel Hilfe. Professionelle Hilfe, nicht die Sorte, die einem verspricht, dass man wieder leistungsfähig und glücklich ist, sobald man nur das famose 6-Wochen-stressfrei-Programm absolviert und den grünen Smoothie jeden Morgen trinkt. Nichts gegen Smoothies – großer Fan – aber wer die ganze Zeit damit beschäftigt ist Pflaster auf große, offene Wunden zu kleben, sollte ebenfalls anfangen das mal zu hinterfragen. Und ja, ich spreche aus eigener Erfahrung. Bei mir eher in Richtung, „wenn ich nur mal öfter rausgehe und mich gesünder ernähre, dann hätte ich sicher wieder mehr Energie“. Da lacht die Depression. Sowohl über die Idee rauszugehen als auch über die Vorstellung mehr Energie zu haben. Die reicht ja grad mal zum Arbeiten…

Dass verinnerlichte Denken ist auch oft immer noch präsent. In den ersten Tagen meiner Arbeitslosigkeit habe ich darüber nachgedacht, was ich denn jetzt am besten alles Sinnvolles tun sollte. Schließlich kann ich die Zeit ja nicht ungenutzt lassen. Sie ist kostbar. Aber vor allem sollte ich auch trotz Arbeitslosigkeit etwas leisten. Eben nicht faul rumsitzen. Auf keinen Fall faul rumsitzen! Auf die Frage „und was machst du jetzt?“ sollte es sinnvolle Antworten geben. Nicht etwas Wages und Unbestimmtes wie: ich kümmere mich weiter um die Umstrukturierung meines Gehirns und gönne mir außerdem eine Pause.
Leistung macht glücklich. Mich. Aber auch fast jeden, der fragt. Zur Beförderung gratulieren einem viele. Zur Therapie nur wenige. Zum Erreichen von Zielen gratulieren einem viele. Zu einer Pause nur wenige.

Ich muss nichts leisten

Aber dass sich etwas ändert, merke ich trotzdem. Ich habe es schon bemerkt, als ich doch, tatsächlich und wirklich, einfach gekündigt habe (hier noch mal zum Nachlesen: Link). Oder an meinem grundsätzlichen Plan: ich würde gerne noch 3-4 Monate in Ruhe meine Therapie weiterführen, Dinge tun auf die ich Lust habe, dann im Frühjahr eine Fortbildung machen und in der zweiten Jahreshälfte des kommenden Jahres eine Arbeit finden.
Und das ist ein wirklich neues Konzept für mich. Und für jemand Außenstehendes ist das wahrscheinlich nur schwer zu verstehen. Aber die Idee, dass ich noch ein wenig Pause mache, dass ich mich auch nicht unter Druck setze, dass ich Leistung und Anerkennung nicht mehr zu meiner Zufriedenheit oder zum Glücklichsein brauche, das ist neu. Das heißt nicht, dass ich nie wieder etwas leisten möchte. Oder dass ich meine zukünftige Arbeit lausig machen werde. Aber wenn man seine inneren Überzeugungen erfolgreich hinterfragt, dann nimmt man den automatischen inneren Programmen den Automatismus. Und dann hat man plötzlich Freiheit. Freiheit sich für oder gegen etwas zu entscheiden. Freiheit das Programm zu nutzen oder es sein zu lassen.


Ich kann etwas leisten. Ich will vielleicht auch etwas leisten. Aber ich muss nichts leisten.
Mein Glücklichsein hängt nicht mehr allein davon ab. Ich bin mir wichtiger. Meine Gesundheit, psychisch und körperlich, ist mir wichtiger. Meine Beziehungen sind mir wichtiger. Ich arbeite lieber an meiner Wärme als an meiner Härte. Ich arbeite am Pause machen, statt am Durchhaltevermögen. Letzteres – also durchhalten – kann ich ja schon gut, muss ich also nicht weiter üben.

Ich muss nichts leisten. Ich möchte vielleicht. Sicherlich werde ich die Zeit in den kommenden Wochen auch für Weiterbildung nutzen. Weil ich gerne lerne. Weil mir auch nicht langweilig werden soll. Weil ich es sinnvoll finde. Aber nicht, ganz sicher nicht!, weil ich etwas leisten muss.

Ich muss nichts leisten. Weil mein Wert als Mensch sich nicht an Leistung bemisst. Weil ich nicht beweisen muss, dass ich leistungsfähig bin. Niemand muss das. Der Wert eines Kindes steigert sich nicht durch gute Noten. Oder besondere Talente. Ein hochintelligentes Kind ist nicht wertvoller als ein durchschnittlich begabtes.

Ich muss nichts leisten. Ich mache mich frei vom Leistungsdruck. Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist nicht jemand, der arbeitet und leistet. Wenn man will, darf man Talente vergeuden. Ich muss auch nichts aus mir machen. Ich wüsste gerade eh nicht, was „etwas“ aus sich machen heißen soll. Mehr Geld haben? Um Dinge zu kaufen? Für nicht-klimaneutral weite Reisen zur Erholung ? Um Entspannungsprogramme, Smoothies und Sportkurse bezahlen zu können?

Ich muss nichts leisten. Ich muss keine Ellenbogen haben, nicht beißen können. Niemand überflügeln, in Nichts die Beste sein, nicht besser als andere und schon gar keine Erwartungen erfüllen.

Ich muss nichts leisten. Ich bin genug. Ich bin gut genug. Und gut genug ist genau richtig.
Und dies das erste Mal zu spüren, im tieferen inneren zu denken und zu fühlen, dass ist der Erfolg dieses verrückten Jahres. Eine zarte Pflanze der sogenannten kognitiven Umstrukturierung. Und bis hierhin war es anstrengend und alles andere als einfach.
Auf DIESE Leistung kann ich wirklich stolz sein. Nichts ist schwieriger, als sich selbst zu verändern. Als Grundlegendes zu hinterfragen. Darauf jetzt einen Smoothie.

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41 Jahre alt, norddeutsch, lesbisch, auf dem Weg der Besserung
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