Irrtum 2: Wenn du etwas tust, dann tu es richtig

Eine weitere innere Überzeugung, die mich bereits seit der Kindheit begleitet, ist die Überzeugung, dass wenn man etwas tut, dann sollte man es auch richtig tun. Sonst kann man es ja auch gleich bleiben lassen!
Was heißt “richtig”? Richtig heißt zunächst einmal, dass man eine Sache natürlich so gut wie möglich tut. Möglichst fehlerfrei, aber vor allem in guter Qualität. Und mit viel Einsatz. Man muss dahinter stehen.
Damit einher ging auch immer die Erwartungshaltung, wenn ich mich nur noch mehr anstrenge, ich es auch noch besser hinbekommen würde. Als Kind war ich beispielsweise in der Schule immer recht gut. Von einigen Fächern abgesehen eine klassische 2er-Schülerin, hier und da auch mal eine 1, in Mathematik und Physik eher schlechter. Ich erreichte das ohne besonders viel lernen zu müssen. Wenn es nicht gerade um mathematische Formeln geht, kann ich mir Dinge im Allgemeinen recht zügig merken.
Dass ich “nur” 2en hatte störte mich eigentlich nicht übermäßig. Und auch zuhause gab es dafür keinen “Ärger”, aber doch hin und wieder Seitenhiebe in Richtung “wenn Du nicht so faul wärst, könntest du sogar noch besser sein”.
Auch an anderer Stelle begegnete mir das immer wieder. Wenn ich bei Gartenarbeiten half, musste ich gelegentlich auch hören: “wenn du es so machst, dann kann ich es auch gleich selbst machen”. Tu es richtig!

Das geht noch besser!

Im Laufe des Erwachenwerdens und im Laufe der vergangenen Jahre ist daraus auch der innere Anspruch erwachsen: es geht eigentlich immer noch ein Stückchen besser. Wenn Du Dir mehr Mühe gibst, dann wird es noch besser. Daher war auch immer klar, dass wenn ich doch nicht die Energie hatte mich bei etwas voll und ganz einzubringen, ich es lieber gleich lassen würde. Und parallel dazu, war ich mit dem, was ich leistete aber selten zufrieden.
“Es geht immer besser” oder “Tu es richtig” kennt keine Grenzen. Es gibt immer Leute, die engagierter sind. Die etwas besser können. Denen Dinge leichter fallen. Und man vergleicht sich immer mit denen.
Was bleibt ist eine andauernde Unzufriedenheit. Weil man etwas nicht so gut hinbekommt wie andere. Weil man etwas schneller hinbekommen könnte.

Perfektionismus macht müde

Gleichzeitig erwartet einen schnell die Überforderung. Denn immer wenn ich eine Aufgabe oder ein Projekt übernahm erwartete ich, dass ich das auch gut erledigte. Ein “gut genug” gibt es in diesem Mindset nicht. Aber was ist, wenn man alles in seinem Leben “richtig tun” will? Wer, wie ich, auch bei der Arbeit zig Baustellen gleichzeitig betreut, wird sich darin aufreiben und dennoch zu keinem Zeitpunkt mit den eigenen Leistungen wirklich zufrieden sein.
Diesen “Stachel” habe ich auch lange in Bezug auf mein Studium gefühlt. Ich habe Ethnologie und Politikwissenschaft studiert. Politikwissenschaft fiel mir wirklich sehr leicht, weil ich es liebte. Ich schloss das Hauptfach mit einer 1 ab. Aber Ethnologie war mehr ein Verlegenheitshauptfach, bei dem ich schnell merkte, dass es eigentlich nicht meins ist. Da ich, als Spätstudierende – ich war bereits über 30 Jahre alt – mir einen Wechsel nicht erlauben konnte (oder wollte?), zog ich das Studium also durch. Und erreichte am Ende eine 2 darin. Gar nicht so übel, für etwas, was ich zwar nicht hasste, aber doch zumindest nicht so spannend fand wie Politik. Tu es ganz oder gar nicht! Aber ein kleines bißchen war ich immer unzufrieden, denn ich war nur mit Haaresbreite an einer 1 vorbeigeschrammt. Hätte ich mir nur ein wenig mehr Mühe gegeben, beispielsweise mit der Masterarbeit, die ich einfach runterschrieb, aber nie mehr umschrieb, dann…

Richtig ist nicht immer schlecht

Wenn ich heute Dinge beginne, dann steht oft am Anfang immer die Frage, ob ich es hinbekommen werde. Ich fange nicht einfach etwas an und schaue wie es läuft, nein ich befasse mich erst einmal ausgiebig theoretisch damit.
Als ich Kompasszeit anfing stapelten sich auch schnell Bücher über SEO, WordPress, Google Analytics und Blogs bei mir. Natürlich habe ich es längst nicht geschafft alle zu lesen, was sofort wieder das Gefühl bei mir auslöste: “ich tu es nicht richtig”. Ich tue es nicht so gut wie ich es könnte, wenn ich mir nur mehr Mühe geben würde.

Natürlich haben diese inneren Überzeugungen auch Vorteile. Weil man tatsächlich immer versucht, es “richtig” zu machen, macht man es wahrscheinlich oft auch gut. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Aber wenn der persönliche Anspruch immer hoch ist, dann gibt es nichts worauf man sich ausruhen kann. Vor allem keine Lorbeeren. Selbst wenn es von anderen Menschen ein Lob gibt, ich selber lobe mich verhältnismäßig selten. Ich bin mein eigener Zuchtmeister. Statt “das hast Du gut gemacht”, sage ich: “das war schon ganz ok, aber ich hätte das wahrscheinlich noch besser schaffen können”.

Der Umgang mit inneren Überzeugungen

Diese inneren Überzeugungen verschwinden nicht einfach. Selbst wenn man sich ihnen bewusst ist. Aber man sollte sie sorgfältig hinterfragen. Ich arbeite an ihnen, denn ich möchte nicht, dass sie mein Leben so bestimmen, wie sie es in den letzten Jahren taten. Natürlich möchte ich Dinge immer noch gut machen und daran ist auch nichts auszusetzen. Aber ich will weniger streng mit mir sein.

Die automatischen, inneren Programme sind in mir. Und weil meine Lebensgeschichte und meine Kindheit so verlaufen sind wie sie verlaufen sind, werde ich mich immer mit ihnen auseinander setzen müssen. Aber es geht vor allem darum, ihnen den Automatismus zu nehmen. Sie dann zu nutzen, wenn es nützlich ist und nicht bei allem und jedem was ich tue und anfange. Es geht darum auch mal Dinge anzufangen und sie eben nicht perfekt machen zu wollen, sondern nur so viel und so gut, wie es eben leicht fällt oder Spaß bringt.

Als ich vor einigen Jahren den Jakobsweg in Spanien ging, begegnete mir da immer wieder der Spruch “no pain, no glory” (dt: keine Schmerzen, kein Ruhm). Da schleppten sich Menschen mit blutigen Blasen so groß wie ihr Fuß über tägliche 20km oder 30km Strecken. Ich habe mich damals davon sehr anstecken lassen. Zwar hatte ich nicht so große Blasen, aber statt den Weg zu genießen, die Auszeit zu genießen, die innere Einkehr zu pflegen, raste auch ich über diesen Weg. Jedenfalls eine Zeit lang. Bis ich nicht mehr konnte und eigentlich schon aufgeben und nach Hause fahren wollte (”wenn du es tust, dann tu es richtig”!).

Bild: Füße die im Bach entspannen. Tu es richtig sollte heißen, tu was sich richtig für dich anfühlt
Bild von Taliesi auf Pixabay

Würde ich ihn heute noch mal gehen, würde ich versuchen ihn mehr zu genießen. “No pain, no glory” am Arsch. Wer so nicht nur über einen Pilgerweg, sondern auch durch sein Leben rast, dem wird unweigerlich irgendwann die Puste ausgehen.
Es darf auch mal leicht sein. Eine 2 ist richtig gut. Wer eine dicke Blase an seinem Fuß hat macht langsamer oder sogar eine Pause. Wenn du etwas tust, dann versuche Spaß daran zu haben. Versuche es zu genießen.
Gut genug ist genau richtig.

Hast Du auch solche inneren Überzeugungen? Wie gehst Du damit um, was machen sie mit Dir? Schreibe es mir in die Kommentare.
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Vielleicht interessiert dich auch der Beitrag zum Irrtum 1 “sich alles verdienen müssen”. Den findest Du hier: *klick*

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42 Jahre alt, norddeutsch, verheiratet, auf dem Weg der Besserung
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