Feuerwerk und Vorsätze
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Warum ich keine Vorsätze für das neue Jahr mache

geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Schon seit Wochen ist sie wieder angebrochen, die Zeit, in der man überall lesen kann, was die besten Vorsätze für das nächste neue Jahr sind. Insbesondere in sogenannten Frauenzeitschriften ist das ein Standardthema ab November. Einer meiner Favoriten ist dieses Jahr in der Brigitte „diese 11 Dinge machen wirklich Sinn!“ Als ob man nur sinnvolle Dinge verändern dürfen sollte. Darunter findet man dann so gehaltvolle Tipps wie beispielsweise: „auf gesunde Lebensmittel achten“ und natürlich – voll im Trend – „weniger Müll produzieren“. Versteht mich nicht falsch, kann man alles machen. Sollte man alles machen. Aber als Neujahrsvorsatz? Bereits im Arbeitsleben lernen wir doch: Ziele sollten SMART sein. Das heißt spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminierbar. Sonst wird es schwierig. Wie messe ich „weniger Müll“? Zweimal in der Woche Sport treiben ist da schon besser als Vorsatz geeignet.
Sollten Neujahrsvorsätze denn SMART sein? Wenn man welche macht, dann würde ich zu ja tendieren. Andernfalls weiß man ja sonst nie, wann man seine eigenen Ziele erfolgreich geschafft hat. Vor allem bei Zielen wie „weniger Fleisch essen“ bleibt, vorausgesetzt man verzichtet nicht ganz, immer Luft nach oben.

Wir sind veränderungsresistent

Was ebenso nicht fehlen darf sind ausreichende Tipps dafür, wie man denn nun endlich seine guten Vorsätze in die Tat umsetzt. Ist nämlich oft gar nicht so einfach, das werden wahrscheinlich die meisten schon festgestellt haben. Und das ist auch ein Stück weit normal.
Ich bin kein Psychologe, weiß aber trotzdem, dass die meisten Menschen mit einem Veränderungsunwillen ausgestattet sind, eine „Immunity to change“ (deutsch: Immunität gegen Veränderungen, Buch von Robert Kegan). Das liegt wohl auch daran, dass unser Hirn Ordnung und Vertrautes mag.
Die Differenz zwischen dem was wir wollen und dem was wir haben muss schon ziemlich groß sein, bevor wir Veränderungen wirklich umsetzen. Im Fachjargon wird das dann „kognitive Dissonanz“ genannt. Im Grunde kann man sagen: wenn unser Denken und unsere Überzeugungen überhaupt nicht mehr mit dem übereinstimmen, was wir tun, dann werden wir handeln. (Oder unsere Überzeugungen ändern. Oder Ausreden erfinden.)
Bis dahin kann es aber ein sehr, sehr langer Weg sein, denn wie Dr. Christian Peter Dogs in seinem Buch „Gefühle sind keine Krankheit“ so schön festhält: „Leiden ist einfacher als handeln“.
Es reicht eben nicht zu wissen, dass Sport uns guttun würde, das Rauchen schlecht ist, dass unser Fleischkonsum für die Umwelt schlimmer ist als Autofahren. Wissen allein ist in diesem Fall nicht Macht.

Also die Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir unsere Vorsätze für das neue Jahr einhalten und dann auch noch durchhalten sind schon nicht wirklich groß. Vor allem wenn man sich etwas vornimmt, was in Wahrheit eine kleine Unzufriedenheit auslöst, statt einer großen. Die Sportstudios freut es. Hätte ich eines, würde ich mich auch jedes Jahr auf Januar freuen. Massen von Menschen, die sich im Januar anmelden, zwei Monate kommen, aber den Rest des Jahres oder sogar noch länger zahlen. Klasse!

Den inneren Kritiker füttern

Was man allerdings prima damit jedes Jahr machen kann, ist, seinen inneren Kritiker zu füttern. Auch wenn es so normal ist, dass wir die Vorsätze nicht einhalten, können viele von uns sich jedes Jahr dafür hervorragend selbst kritisieren. Manchmal sogar bereits musterhaft nach dem Motto „Jetzt habe ich schon wieder meine Vorsätze nicht eingehalten!“.
Dabei braucht es zum einen für Veränderungen kein neues Jahr. Es braucht auch keine Vorsätze, sondern Handeln. Und manchmal reicht die eigene Willensstärke dafür und manchmal braucht man Hilfe. Nämlich dann, wenn das Leiden zu schlimm wird, aber es sich trotzdem nichts ändert. Was die meisten von uns aber nicht brauchen sind Anlässe, um sich selbst mal wieder auszuschimpfen, schlecht zu fühlen oder anderweitig runterzumachen. Denn wir sind meistens eh schon viel besser darin an uns rumzunörgeln, statt uns ok zu finden.

Deshalb mache ich keine Vorsätze für das neue Jahr. Als es mir im letzten Jahr so schlecht ging, hatte ich schon das Gefühl ich müsste ganz viele Dinge verändern. Manches habe ich verändert, mich aber trotzdem nicht besser gefühlt. Vieles habe ich aber nicht durchgehalten und mich dann noch schlechter gefühlt. Kann es so schwer sein öfter mal rauszugehen? Ja!

Nicht überfordern

Jetzt sage ich nicht, dass man Veränderungen einfach sein lassen sollte, weil man es ja eh nicht schafft! Um Himmels willen! Wäre das so, würde mein 2019 ganz anders aussehen. Nein, Veränderungen sind möglich. Immer. Aber zum einen sollte der Anlass nicht einfach nur ein Jahreswechsel sein, zum anderen sollte man gründlich in sich hineinhören, warum und was man eigentlich aus welchen Motiven verändern möchte und sich dann auch nicht überfordern. Die meisten von uns haben doch ewig lange innere oder tatsächliche to-do-Listen, die am Ende oft zu mehr schlechten als guten Gefühlen führen. Oder einen in ein so enges Korsett sperren, dass die Erfüllung auch nicht gerade befriedigend ist. Es gibt Menschen, die können das. Die nehmen sich vor jeden Morgen Joggen zu gehen und tun das dann. Ich bin der Typ, der sich eher vornehmen sollte, 2x die Woche Sport zu machen, weil dann bleiben fünf Tage, an denen ich das auch tun kann, aber nicht muss.

Es gibt Menschen, die schreiben zehn Dinge auf eine to-do-Liste und arbeiten die dann ab. Und dann gibt es die Typen wie mich, die nur zwei davon schaffen und anschließend unzufrieden sind, weil sie nur zwei geschafft haben. Dabei könnte es ja auch so laufen: zehn Dinge aufschreiben und sich freuen, wenn man zwei davon schafft! Und das ist auch genau, dass was ich versuche mir anzugewöhnen. Mich nicht mehr so sehr dafür zu zuchtmeistern, dass ich Dinge nicht schaffe oder tue, sondern stolz auf das gucken, was ich geschafft habe. Mich nicht mit zu viel auf einmal zu überfordern, also keine „11 Dinge die wirklich Sinn machen“, sondern erst mal die eine Sache, die wirklich, wirklich Sinn macht. Und dann vielleicht die nächste.

Tipp: Lieber eine Positiv-Liste

Mein Tipp für den Jahresausklang ist daher auch: nicht eine Liste mit guten Vorsätzen anlegen, sondern eine Liste mit den Dingen, die im alten Jahr gut gelaufen sind. Wo hat es Veränderungen gegeben? Was habe ich an Positivem erlebt? Habe ich Dinge verändert?
Und dabei auch wirklich richtig großzügig sein und auf sich selbst gucken. Nicht gleichzeitig denken, dass andere aber doch viel mehr geschafft haben oder toller sind. Nee, nee…es geht um die Dinge, die einem selbst schon schwer genug gefallen. Wir müssen uns wirklich dabei nicht noch mit anderen messen. Die gewinnen nämlich fast immer. Und „aber“ haben auf der Liste auch nichts zu suchen. Also nicht sowas scheußliches wie „ich wollte mehr Sport treiben, aber ich habe es nur einmal die Woche geschafft“. Nichts ist zu wenig, um es aufzuschreiben. Zu banal. Oder zu selbstverständlich. Und wer nicht gern schreibt, kann auch einfach mental mal eine Liste aufstellen: was war gut in 2019? Was ist mir gelungen? Welche Erinnerungen speichere ich ab als Motivation für das kommende Jahr?

Dann habe ich auch eine Chance, dass neue Jahr gut zu starten. Mit einem guten Gefühl. Das ist manchmal mehr wert als jedes Häkchen auf einer Liste.

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Annette (KompassZeit)

43 Jahre alt, norddeutsch, verheiratet. Dem inneren Kompass folgend, lebend aus vollem Herzen.

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